Den Puls der Erde spüren

Jahreskreisfeste als Naturtherapie

Von Martina Tabery

Das rituelle Feiern der Erde in all ihren Facetten ist so alt wie die Menschheit selbst. Dabei sind die Jahreszeiten nicht überall auf diesem Planeten so ausgeprägt und wunderschön erlebbar wie in unserem Kulturkreis. Hier in Europa war das rituelle Weltbild von kosmischen Kräften geprägt.

So ist das Symbol des achtspeichigen Jahresrades entstanden, das acht große Rituale markiert.

Die festliche Besinnung auf die Erde an diesen Tagen war eine zentrale spirituelle Erfahrung. Gehen Menschen mit dem 8-Feste-Zyklus durch das Jahr, entsteht eine starke Verbundenheit der eigenen Lebensgestaltung mit den Kräften der Natur, die mit der göttlichen Quelle gleichgesetzt wurden. Die Missionierung zum christlichen Glauben konnte daher nicht ohne die Übernahme bestimmter Feste gelingen.

Die alten Feste standen in starkem Zusammenhang mit dem Überleben der Gemeinschaft und markierten wichtige Zeitpunkte insbesondere im landwirtschaftlichen Leben. Das rituelle Feiern des Jahreskreises heute kann als ganzheitliches Modell, sowohl für die unterschiedlichen Lebensfacetten, als auch die stetige Wandlung des Lebens dienen. So können die Veränderungen in der Natur als Spiegelbilder für innere Wachstums- und Transformationsprozesse gesehen werden. Wie bei allen Momenten im Leben ist der richtige Zeitpunkt oftmals mehr als unterstützend für die Entwicklung. Eigene Schritte fallen wesentlich leichter, wenn sie in den Naturrythmus eingebunden sind. Der berufstätige Mensch in der Stadt erfährt diesen Rhythmus meist nur noch oberflächlich. Gerade im technisierten Berufsalltag kann die Einbindung in den Naturzyklus der acht Jahreskreisfeste das Gefühl des entfremdeten und sinnentleerten Lebens mindern und sogar heilen helfen. 

Die acht Feste stehen wechselweise unter Sonnen- bzw. Mondeinfluss. Die vier Sonnenrituale markieren die beiden Tag- und Nachtgleichen im Frühjahr Ostara und im Herbst Mabon, sowie die Sonnenwenden im Sommer Litha und im Winter Yule.

Die Termine schwanken stets um zwei bis drei Tage um den 22. – je nach Sonnenstand.

Die vier Mondrituale sind in ihrer Dynamik durch die vier Mondphasen charakterisiert und haben feste Daten Brigid bzw. Lichtmess junge Mondsichel, Beltane Vollmond, Lammas abnehmender Mond und Samhain Neumond.

Inhaltlich haben die Feste folgende Themen:

  • Ostara 22. März – die Erde wacht auf und öffnet sich, die Saat zu empfangen
  • Beltane 30. Mai – die Kraft der Fruchtbarkeit wird hinzu gerufen
  • Litha 22. Juni – der höchste Sonnenstand, die stärkste Kraft, ist erreicht
  • Lammas 2. August – der erste Schnitt wird vollzogen, Beginn der Ernte
  • Mabon 22. September – Dankbarkeitsfest für die eingebrachte Ernte
  • Samhain 31. Oktober – hinabtauchen in die Dunkelheit und ehren der Ahnen
  • Yule 22. Dezember – dunkelste Nacht, das Licht wird zurück gerufen
  • Brigid 2. Februar – Initiationszeit, Visionen für das neue Jahr empfangen

Jahreskreisritual als Wachstumschance

So kann der Weg durch den Jahreskreis in ritueller Form als Weg zu uns selbst, als Weg der Heilung und des Wachstums gegangen werden. Während die helle, lichte Hälfte des Jahres unterstützen kann, um unsere Visionen kraftvoll ins Lebens zu bringen, hilft die dunkle Jahreszeit, in die eigene Tiefe hinab zu steigen und unterdrückte bzw. verdrängte Anteile und Emotionen zu befreien. Dabei ist gerade die Dunkelheit von unschätzbarem Wert. Die meisten spirituell Suchenden wollen wachsen, aber nicht nach unten in das Dunkle hinab, sondern nur dem Licht entgegen. Eine Ausdehnung der bewussten Wahrnehmung in nur eine Richtung ist jedoch nicht möglich. Das Helle und das Dunkle gehören zusammen, das Helle haben wir zu entdecken und in unserem Leben umzusetzen, das Dunkle haben wir wieder hervorzuholen in das Licht unserer Wahrnehmung, um es dann als Teil unseres Selbst zu integrieren. Eine Negierung der Dunkelheit führt daher häufig zu spirituellen Krisen bis hin zu Depressionen.

Das Ritual an sich schafft dabei einen Rahmen, sich aus der Realität des Alltages herauszunehmen und Zugang zu tieferen Schichten des Seins zu finden. Durch bestimmte festgelegte rituelle Handlungen wird eine Verbindung zum kollektiven Unbewussten geschaffen und eine leichte Trance (der sogenannte Alphazustand) erzeugt. Dies ermöglicht, mit den im Ritual vollzogenen Inhalten ins Unterbewusstsein vorzudringen, um dort bewusste Veränderung zu bewirken. 

Durch die intensive Verbindung mit der Erde ist auch die Verbindung mit dem Kosmos und der göttlichen Quelle leichter erfahrbar. Oftmals wird bei der spirituellen Suche die wichtige Verbundenheit mit der Erde außer Acht gelassen, was dann auf Irrwege führt. Nur durch den Körper, unsere Erde, können spirituelle Erfahrungen auch integriert werden und lassen uns wachsen, anstatt den Boden unter den Füßen zu verlieren.

So ist es möglich, den rituellen Weg durch das Rad des Jahreskreises auch als eine Art Naturtherapie zu verstehen und zu nutzen, eine ganzheitliche Erfahrung auf dem Weg zu mir selbst.

Fotos: Martina Tabery

(erschienen im Nordstern Ausgabe 1/09)


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