Abschied vom Opferdasein

Radikale Vergebung

Von Martina Tabery

Es scheint so, als ob diese beiden Worte so gar nicht zusammen gehören, zumindest im deutschen Sprachgebrauch ist das eine ungewöhnliche Kombination. Sie wurden als Begriff für eine ungewöhnliche Synthese aus psychologischer und spiritueller Arbeit von Colin C. Tipping, Psychotherapeut und Autor des Buches »Ich vergebe« geformt.

Um zu erklären, was es damit auf sich hat, ist es sinnvoll, sich einmal mit der herkömmlichen Vergebung zu beschäftigen. Meist ist dies ein schweres und eher langwieriges Unterfangen, da wir etwas scheinbar Schlimmes erfahren haben und uns als Opfer fühlen. Gleichzeitig haben wir den Wunsch, wieder in Frieden zu leben. So sind wir hin und her gerissen zwischen dem Bedürfnis zu verurteilen und im Recht zu sein einerseits und dem Wunsch zu vergeben, um die innere Ruhe wieder zu finden, andererseits. Dieser Spagat macht die herkömmliche Vergebung so anstrengend.

Nun hat mancher schon mal die Erkenntnis gehabt, dass die eine oder andere schmerzhafte Situation aus der Vergangenheit im Nachhinein denn doch für etwas gut war, sozusagen ein Geschenk mitgebracht hat. Damit ist kein materielles Geschenk gemeint, sondern eher Stück persönlichen Wachstums und Reife, die man gewonnen hat. Bei der radikalen Vergebung gehen wir sogar noch einen Schritt weiter und davon aus, dass wirklich jede Erfahrung in unserem Leben für etwas gut ist oder anders ausgedrückt, eine göttliche Vollkommenheit inne hat. Ist das nicht radikal?

Das Wort radikal kommt von radix = die Wurzel. Wenn wir radikal vergeben, erlösen wir nicht nur die festsitzende Energie der aktuellen Erfahrung, sondern gleichzeitig alle damit verbundenen unterdrückten Gefühle bis hin zu der Urverletzung, der Wurzel dieser Emotion!


Alles ist in der Aura gespeichert

Jedes Mal, wenn wir ein starkes Gefühl haben und dieses nicht komplett ausleben, sondern unterdrücken, setzen wir damit eine energetische Blockade in unsere Aura. Diese verhindert den freien Fluss der Lebensenergie, also schwächt sie uns. Gleichzeitig zieht so eine Blockade magnetisch ähnliche Erfahrungen in unser Leben. Diese haben den Zweck, uns wieder in das unterdrückte Gefühl zu bringen, um dadurch die Möglichkeit zu haben, dieses zu erlösen und alle Blockaden, die damit in Verbindung stehen zu befreien. Nur wenn wir unsere Gefühle im physischen Körper spüren, können wir sie heilen.

Meist gelingt es uns nicht, in schmerzhaften Situationen die Gelegenheit zur Heilung zu erkennen und zu nutzen. In der Regel bleiben wir im Opferland gefangen und unterdrücken erneut die aufkommenden Gefühle, um im Alltag zu funktionieren.

Der Weg aus dem Opferland heraus führt über einen Wechsel der Betrachtungsebene aus der Welt der menschlichen Erfahrung heraus in die höher schwingende Ebene der göttlichen Wahrheit. Hier nehmen wir uns wahr als spirituelles Wesen, das eine menschliche Erfahrung macht. Auf dieser Ebene gibt es weder Täter noch Opfer, sondern eine andere freundliche Seele, die den Urschmerz bei uns wahrnimmt und helfen möchte, diese festsitzende Emotion zu befreien, damit die Lebensenergie/-kraft wieder frei fließen kann. Auf dieser Ebene gibt es also gar nichts zu vergeben, sondern nur einen hilfreichen Engel, dem wir dankbar sein können.

Das Gute an der Tipping-Methode ist, dass es nicht nötig ist, die Vollkommenheit in einer Erfahrung zu erkennen. Es gibt immer wieder Situationen, die für uns keinen Sinn ergeben und es sogar anmaßend erscheint, wenn da jemand behauptet, sie wären für irgendetwas gut. Damit die Tipping-Methode wirkt, ist lediglich die Bereitschaft nötig, anzunehmen es könne eine göttliche Vollkommenheit hinter der Geschichte geben. Das reicht aus, um Energie zu bewegen und uns aus dem Opferdasein zu befreien.


Praktische Werkzeuge für den Alltag


Colin Tipping hat einige Werkzeuge erschaffen, die uns in jeweils 5 Schritten (s. unten) aus dem Opferland heraus helfen. Da gibt es etwa das Arbeitsblatt, welches im Buch abgedruckt ist oder im Netz als Download zur Verfügung steht. Es gibt zwei CDs, die durch einen persönlichen Prozess führen. Dabei legt er Wert auf die Alltagstauglichkeit und ermöglicht eine Heilung tiefer Verletzungen durch Selbsthilfe. Ein besonderes Werkzeug ist die Vergebungszeremonie, die, basierend auf einem alten indianischen Ritual, an unseren Kulturkreis angepasst ist.

In diesem Ritual ist es möglich, vielen Menschen einschließlich sich selbst gleichzeitig zu vergeben. Dabei werden viele Themen angesprochen, die wir alle kennen und entweder als „Opfer“ oder als „Täter“ schon erlebt haben. Fühlt man sich betroffen von einem dieser Themen, so durch schreitet man den rituellen Kreis und trifft auf einen anderen Menschen mit einem energetisch gleichen Schmerz. In dieser Begegnung ist es nicht nötig, etwas von sich zu erzählen, weil die Zeremonie weitgehend non-verbal abläuft. Mit Hilfe der 5 Schritte, durch die man innerhalb dieser Zeremonie geführt wird, kann die durch unterdrückte Gefühle gebundene Energie freigesetzt werden.Das bedeutet auch, es ist wieder mehr Lebensenergie zur Verfügung, um im Hier und Jetzt an der Gestaltung des Lebens bewusst mit zu kreieren.

Radikale Vergebung wirkt auf der spirituellen Ebene, auf welcher wir alle verbunden sind. Mit der Veränderung unseres eigenen Energiefeldes, bewegt sich daher auch immer etwas bei der Person, der wir vergeben. Deshalb kann es gut sein, dass nach dem Besuch an einer Vergebungszeremonie kleine Wunder geschehen ...

Eine weitere Möglichkeit, die schmerzhaften Themen im Leben aufzulösen, ist das persönliche Coaching mit der Tipping-Methode. Ein Coaching lässt sich als eine spirituelle Begleitung beschreiben. Die Rolle des Coaches ist es, dabei zu unterstützen, den Standpunkt der Betrachtung zu verändern, um sich so für die Möglichkeit der Vollkommenheit zu öffnen. Es ist keine Therapie, es ist eine Stärkung Ihrer Vertrauens in Ihre eigene spirituelle Intelligenz.

Die heilende Kraft der Vergebung kann u.a. bei folgenden Themen hilfreich sein:

  • Selbstkritik / Schuldgefühle
  • Mangel an Selbstvertrauen
  • Partnerschaftsprobleme/Beziehungsstress
  • Zwischenmenschliche Probleme
  • Körperliche Beschwerden
  • Kindheitstraumata
  • Mobbing


5 Schritte der Radikalen Vergebung

1. die Geschichte erzählen
    der Start im Opferland

2. die Gefühle fühlen
    wir können nur heilen, was wir fühlen

3. die Geschichte auseinandernehmen
    die Betrachtungsebene wechseln

4. ihr einen neuen Rahmen geben
    für die göttliche Vollkommenheit öffnen

5. den Wandel auf Zellebene integrieren
    um Muster dauerhaft zu verändern

Literatur:
»Ich vergebe – Der radikale Abschied vom Opferdasein« von Colin C. Tipping erschienen im Kamphausen Verlag

Fotos: Martina Tabery

Portrait von Colin Tipping Colin C. Tipping
arbeitete als Lehrer in London, bevor er 1984 in die USA auswanderte. 1998 gründete er dort das Institut für Radikale Vergebungstherapie und Coaching.

(erschienen im Das Wesentliche Ausgabe 7/09)


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